Editorial September

Liebe Freundinnen und Freunde des KulturForums,

seriöse Wirtschaftswissenschaftler wie die Ökonomen der ENAGrup Forschungsgemeinschaft bescheinigen, dass die Inflationsrate in der Türkei etwa doppelt so hoch sein dürfte als 80%, die von offizieller Seite angegeben wird. Derweil versucht Präsident Erdoğan, der offenbar von einer neuen Offensive in die kurdischen Gebiete an der syrischen Front von seinem Freund Putin zurückgepfiffen wurde, durch unverblümte Drohungen gegen den NATO-Partner Griechenland seine sinkenden Popularitätswerte zu erhöhen.

Die Lage der Kultur- und Pressefreiheit in Staaten gilt oft als ein Indikator für kommende gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Blickt man auf diesen Sommer in der Türkei zurück, lässt dies auch für die nächsten Monate nichts Gutes ahnen. Unzählige Musik- und Kulturfestivals wurden abgesagt, meist durch Interventionen lokaler Behörden oder Gouverneure der AKP und MHP. Mal werden diffuse „Beschwerden“ von Bürgerinnen und Bürgern vorgeschoben, mal Sicherheits- oder Gesundheitsbedenken genannt.

An der populären Sängerin Gülşen wurde in diesem Zusammenhang erneut ein Exempel statuiert. Wegen eines Scherzes während eines Monate zurückliegenden Konzerts über religiöse İmam-Hatip-Schulen, zu deren Absolventen auch Präsident Erdoğan gehört, drohen ihr nun bis zu drei Jahren Haft.

Im Schatten der Diskussionen um die zeitweilige Inhaftierung des Topstars wurden derweil die Journalistin Sadiye Eser und Reporter Sadık Topaloğlu von einem Istanbuler Gericht zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Als Beweismittel für den Tatvorwurf der „Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation“ diente unter anderem die Tatsache, dass sich auf Esers Handy ein kurdisches Lied befand. Nur wenige Tage zuvor war Semra Güzel, eine weitere Abgeordnete der HDP, wegen Terrorvorwürfen verhaftet worden. Der Gesundheitszustand ihrer seit 2016 inhaftierten Parteikollegin und früheren HDP-Co-Vorsitzenden Aysel Tuğluk hat sich derweil weiter verschlechtert; alle Anträge auf Freilassung blieben allerdings bislang erfolglos.

Trotz der widrigen Umstände versammeln sich Menschen weiter vor Gerichten, Hochschulen und auf öffentlichen Plätzen, um für Gerechtigkeit zu demonstrieren. Und auch Stimmen aus der Popkultur schenken Mut. Am vergangenen Wochenende gab Tarkan am 100. Jahrestag der Befreiung der Stadt auf Einladung der Stadtverwaltung ein Open-Air-Konzert in Izmir. Der Popstar sang vor etwa zwei Millionen Menschen und beendete den Abend mit seinem Lied „Geççek” („Es wird vorübergehen“), das von vielen in der Türkei als hoffnungsgebende Hymne für den politischen Wandel verstanden wird. Die regulären Wahlen stehen 2023 an; die Oppositionsparteien jedoch, die sich am sogenannten „Tisch der Sechs“ zusammengefunden haben, sind sich noch nicht einig, wie sie mit der HDP, die bei den letzten Wahlen etwa sechs Millionen überwiegend kurdischstämmige Wählerinnen und Wähler mobilisieren konnte, umgehen sollen.

Bild: BirGün

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